SCHLANGENMOND - Eine phantastische Erzählung

Buchcover  
Schlangenmond ist die Geschichte einer jungen Frau, die völlig unerwartet aus der Überschaubarkeit ihres gewohnten Lebens gerissen wird und beim Versuch das Unerklärbare zu verstehen ihre Identität findet ...
Schlangenmond ist die Geschichte von Fiona Margo, einer Schriftstellerin, für die - hineingezogen in ihren eigenen Roman - die Grenze zwischen Realität und Fiktion langsam verschwindet ...
Schlangenmond ist die Geschichte von Farran Mac Ian, dem letzten Geschichtenerzähler, der auf der Suche nach seiner Geliebten die Brücke zwischen den Welten überschreitet ...
Schlangenmond ist die Geschichte einer fremden Kultur, die sich dem Einfluss von außen nicht widersetzen kann ...
Schlangenmond ist eine Geschichte über Veränderung, Loslassen und Neubeginn ...

Neuauflage in Vorbereitung - Restbestände € 10,50.- statt 15,90.- bei Abholung. Versand möglich.

LESEPROBE

Eine junge Reporterin lernt bei einem Waldspaziergang drei seltsame Menschen (Farran, Fiona und Hyarob) kennen, die ihr das Angebot machen, einige Wochen bei ihnen auf einem Landgut in den Bergen zu leben. Angeblich sind ihrer aller Schicksale miteinander verknüpft. Der Reporterin erscheint dies sehr befremdlich. Als sie Farran gegenüber zusätzlich noch eine starke erotische Anziehungskraft verspürt, verlässt sie fluchtartig das Anwesen.
Einige Tage und seltsame Ereignisse später kehrt sie jedoch zurück ...

Als ich den Wagen am Straßenrand parkte und die Forststraße zu Fionas Heim betrachtete, die sich nach wenigen Metern in der Dunkelheit verlor, da war ich mir gar nicht mehr so sicher wie noch einige Stunden zuvor, dass ich diese ungewöhnlichen Phänomene untersuchen wollte. Vor allem verstand ich nicht, warum ich nicht bis zum nächsten Morgen hatte warten können. Vielleicht weil ich in dem Glauben war, dass man wie schon einmal mein Kommen erahnen und den Schranken, der die Zufahrt zur Forststraße versperrte, öffnen würde? Natürlich war es verrückt, an so etwas zu denken. Trotzdem machte sich Enttäuschung in mir breit. Da stand ich nun im Finstern, den Rucksack geschultert, eine Sporttasche in der Hand, bereit einige Tage "Abenteuerurlaub" in Fionas Heim zu verbringen, und niemand war da, um mir anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Mir war vollkommen klar, dass ich ohne Bekanntgabe eines Ankunftszeitpunktes nicht mit einem Empfangskommitee rechnen durfte, aber das plötzliche Auftauchen eines Pferdewagens hätte sehr gut in den Verlauf der Geschichte gepasst. Doch alles blieb still.

Sollte ich wieder umkehren? Nein. Ich rückte den Rucksack in eine bequeme Position, verstärkte den Griff um die Tasche und stapfte los. Bereits nach wenigen Metern erkannte ich, dass, wenngleich weder Hyarob, Farran oder Fiona gekommen waren, ich doch einen Beschützer hatte. Der Mond, beinahe voll, brachte den hellen Sand und Kies der Forststraße zum Leuchten, so dass ich deren Verlauf mühelos folgen konnte. Nach einer halben Stunde Gehzeit musste ich die Tasche abstellen, denn, obwohl ich beim Tragen ständig von der linken Hand auf die rechte gewechselt hatte, waren meine Arme von der ungewohnt langen Belastung eingeschlafen. Ich begann den "Hampelmann" zu springen, um die Blutzirkulation wieder anzukurbeln. Nach einigen Minuten wurde es besser. Ich presste den Inhalt meines Rucksackes und der Sporttasche fest zusammen und schaffte es so, die Tasche quer über den Rucksack zu schnallen. Jetzt hatte ich die Hände frei. Doch irgendein sperriges Teil meiner Ausrüstung war im Zuge der "Umpackaktion" verrutscht und drückte nun gegen meinen Rücken. Also Rucksack wieder herunter, umpacken, Rucksack hinauf. Das Teil blieb hartnäckig. Rucksack herunter, Rucksack hinauf. Als ich schließlich jene Schafweide erreichte, wo mich Farran bei meinem ersten Besuch erwartet hatte, legte ich Rucksack samt Tasche unter den Kirschbaum und machte eine Pause. Schließlich ging ich ohne Gepäck weiter. Nun lag "nur" noch der Anstieg vor mir. Wie beim ersten Mal keuchte und schnaufte ich bergan, doch ich glaubte zu spüren, dass es schon ein wenig leichter ging.
Vielleicht lag dies aber nur an diesem Bericht, den ich einige Tage zuvor gelesen hatte und in dem die Grundprinzipien des Trainings erklärt wurden. 3 bis 4-mal pro Woche eine Stunde Joggen oder Radfahren oder Bergwandern erhöhen die Ausdauer, fördern die schlanke Linie und garantieren somit das Wohlbefinden.
Ich war nunmehr schon das zweite Mal innerhalb weniger Tage sportlich aktiv (solche Spaziergänge zählten damals für mich schon zu Sport), und deswegen versuchte ich trotz meiner heftigen Atemzüge Ansätze von körperlichem Wohlbefinden in mir zu erkennen. Ich fand nur eine schimpfende Lunge und ein schwer arbeitendes Herz.

Auf der Bergkuppe angekommen setzte ich mich ins Moos, was mir ein feuchtes Hinterteil einbringen sollte, und blickte auf Fionas Heim hinab. Die ganze Anlage schien im Silberglanz des Mondes unwirklich zu sein, nur das Licht, das aus den Fenstern des Hauptgebäudes fiel, verankerte Fionas Heim in der Realität. Irgendetwas bewegte sich im Teich, aber meine Augen waren nicht gut genug, um es zu erkennen. Langsam stieg ich in den Krater hinab. Jetzt erst begann ich mir Gedanken darüber zu machen, ob es überhaupt höflich war, spätabends, es war bereits beinahe 22 Uhr, ohne Voranmeldung einen Besuch zu machen. Natürlich war es das unter normalen Umständen nicht. Aber die Umstände waren nicht normal. Ich lag nicht schlaflos zuhause in meinem Bett, weil mich meine Flugangst quälte, 2 vollbepackte Koffer standen nicht im Vorraum, und ich würde morgen auch nicht nach Gran Canaria fliegen. Ich stand hier, vor dem verschlossenen Tor zu Fionas Heim, und begann zu frösteln. Obwohl mich der Anstieg ins Schwitzen gebracht hatte, war es doch ein kühler Abend, besonders hier in den Hügeln, wo die Temperaturskala immer einige Grade weniger als in der Stadt anzeigte. Ich trug Turnschuhe, Jeans, ein T-Shirt, einen Pullover und eine dünne Jacke.
Das Tor war von außen (?) durch einen Riegel verschlossen, was bedeuten musste, dass derjenige, der es abgeschlossen hatte, entweder noch heraußen war oder aber durch einen Hintereingang ins Haus zurückgekehrt war. (Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich, seltsame Dinge als gegeben hinzunehmen und die "Warum-und-wieso"-Grübeleien vorerst einzustellen - ein Vorsatz, der nicht lange anhielt.) Ich schob den Riegel aus der Verankerung. Dann stemmte ich mich gegen einen Torflügel, der anfangs schwer nachgab, aber plötzlich wie durch fremde Hilfe zur Seite glitt.
"Ich freue mich sehr, dass du deine Entscheidung geändert hast und doch noch zu uns gekommen bist!" Erschrocken drehte ich mich zu der Stimme hinter meinem Rücken.
Vor mir stand Farran Mc Ian; nackt, bloßfüßig, mit feuchtem Haar. Um seine Lenden war ein Handtuch geschlungen. Ich hatte den Verdacht, dass er das nur meinetwegen getan hatte, um mich nicht zu kurz nach meiner Ankunft erneut zu schockieren. "Ich war schwimmen", sagte er und lächelte. "Ja, das merkt man!", lautete meine nicht sehr geistreiche Antwort. Dann lachten wir beide. Er legte den Arm genauso um meine Schulter, wie er es bei Fiona zu tun pflegte, und führte mich ins Haus. In der Stube prasselte ein Feuer im Kachelofen. Hyarobs Augen leuchteten, als er mich sah, und auch Fiona schien erfreut zu sein. Gemeinsam tranken wir Tee. Es wurde gelacht und geplaudert, niemand sprach über den Grund meines Hierseins, ich erzählte nichts über meine Träume. Morgen war auch noch ein Tag.
Einmal entschuldigte sich Hyarob. Er verließ mit einem Arm voll Holz die Stube, um, wie er sagte, das Gästehaus wohnlich zu machen. Als wir uns kurz vor Mitternacht trennten, führte er mich zu dem Blockhaus, das direkt neben seinem stand. Im Inneren der Hütte, die aus Aufenthaltsraum und Schlafraum bestand, war es wohlig warm und das Bett bereits gerichtet. Bei diesem Anblick fiel die Unruhe der letzten Tage von mir ab, ich bestand nur noch aus angenehmer Müdigkeit. Ich dankte Hyarob für die freundliche Bewirtung und kuschelte mich unter die Decke. Innerhalb weniger Sekunden war ich bereits eingeschlafen.

Als ich erwachte, fühlte ich mich frisch und ausgeruht. Meine Armbanduhr zeigte halb sieben. Ich schob die Vorhänge zur Seite und blickte aus dem Fenster ohne das warme Bett zu verlassen. Ein zarter Nebelschleier lag über den Hügeln, in den die ersten Sonnenstrahlen bereits Löcher fraßen. Der Tag würde warm und schön werden. Direkt unter mir befand sich der Kräutergarten. Weiter hinten konnte ich die Umrisse des Teiches erkennen. Ich öffnete das Fenster. Frische, würzige Luft strömte ins Zimmer. Und so begann mein erster Tag in Fionas Heim mit einem tiefen Durchatmen, das meinen Geist wunderbar klar machte und ein angenehmes Prickeln auf meinen nackten Armen hinterließ.
Im Aufenthaltsraum hörte ich bereits brennendes Holz knacken. Neben der Feuerstelle lagen mein Rucksack und meine Tasche ...
Dankbar schlüpfte ich in eine Jogginghose und streifte einen Pullover über. Das Feuer erzeugte eine angenehme Wärme. Auf der Kochplatte des Ofens stand ein kleiner Topf mit kochendem Wasser. Ich fand auch eine große Tasse, ein Teesieb und eine Handvoll Kräuter. Ich schob den Topf zur Seite und streute die mir größtenteils unbekannten Kräuter (nur Kamille und Pfefferminze konnte ich erkennen) ins Wasser. Nach wenigen Minuten hing ein sanfter Geruch im Raum, ein Geruch nach Blumen und Heu. Als Kind hatte ich mit meinen Eltern einmal einen Urlaub bei entfernten Verwandten auf dem Bauernhof verbracht. An diesen Urlaub wurde ich nun erinnert, an das Versteckenspielen im Heuschober, an das Melken der Kühe im Stall, an das Umhertollen in der meterhohen Blumenwiese. Versunken in Erinnerungen trank ich zwei große Tassen Tee. Punkt sieben Uhr klopfte es an der Tür.
Noch ehe ich "Herein!" sagen konnte, erschien bereits Hyarobs breit grinsendes Gesicht in der Türöffnung. "Hast du Lust auf einen Morgenspaziergang?" Und ob ich Lust hatte. Es interessierte mich, ob sich dieses "Ich-fühle-mich-so-frei"-Gefühl beim direkten Kontakt mit der erwachenden Natur noch verstärken würde. Ich schlüpfte in meine Turnschuhe, zog eine dünne Regenjacke über und folgte Hyarob, der zwar eine lange Hose, sonst aber nur ein kurzärmeliges T-Shirt trug. Bei seinem Anblick wurde mir kalt. Ich schloss den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Hals. Hyarob grinste. (Dieses eigenartige Lächeln sollte ich in den kommenden Wochen noch häufiger zu Gesicht bekommen. Es deutete auf eine Mischung aus Unverständnis, Mitleid und Befremden hin, hervorgerufen durch mein Verhalten, meine Ansichten und Moralvorstellungen.)
Was gibt es über diesen Spaziergang zu erzählen? Es war wunderschön. Wir gingen entlang des Kreises, der den Besitz von außen begrenzte. Hyarob erklärte, wies mich ab und zu auf einen Vogel oder einen besonders schönen Käfer hin, zeigte mir einige Wildkräuter. Aber seine Ausführungen wechselten immer mit langen Gesprächspausen, so dass die Ruhe dieses Morgens nicht gestört wurde. Kurz vor 9 Uhr beendeten wir unseren Rundgang und Hyarob führte mich in die Stube, wo Farran und Fiona schon damit beschäftigt waren, das Frühstück zu richten. Der Aufenthalt im Freien hatte mich hungrig gemacht. Also schob ich einen dicken Vorhang vor die Kalorien- und Cholesterin-Tabellen und griff zu: eine Schüssel Kornbrei mit Obst, ein weiches Ei, ein Butterbrot und zum Abschluss noch ein Milchbrot mit Honig. Dazu trank ich noch einmal 2 große Tassen Tee. Meine Gastgeber aßen mit dem gleichen Appetit.
Diese gemeinsamen Mahlzeiten mit Fiona, Farran und Hyarob waren das, was ich nach unserer Trennung am meisten vermisste; das friedliche Beisammensein, kein hastiges Hinunterschlingen von Fertignahrung, sondern langsames Genießen liebevoll zubereiteter Speisen. Untertags bei der Arbeit gab es keine unnützen Pausen. Alles wurde rasch und sorgfältig erledigt. Doch beim Essen, da ließ man sich Zeit. Hyarob erklärte mir, dass das so sein musste, um sich der Nahrung bewusst werden zu können und Dankbarkeit zu entwickeln.
Nach dem Frühstück ließen mich die drei alleine. Ich hatte die Erlaubnis, jeden Winkel des Anwesens zu erkunden, war aber nach dem üppigen Mahl und dem ausgiebigen Morgenspaziergang viel zu träge, um neugierig zu sein. Also setzte ich mich in einen Liegestuhl auf der Veranda. Ich genoss die immer stärker werdende Sonne. Eben dachte ich daran, dass ich mich auf Gran Canaria auch nicht wohler fühlen hätte können als hier, als mich jemand an der Schulter stupste. Fiona stand hinter mir und drückte mir zwei Hefte im A4-Format in die Hand. Auf einem hatte sie mit einer Heftklammer einen Zettel befestigt: "Lies es bitte! Das sind meine Tagebücher!" Erstaunt blickte ich sie an. Sie nickte nur und bat mich erneut die Hefte zu nehmen. Dann verschwand sie mit einem geflochtenen Korb in Richtung Kräutergarten.

Ich öffnete das erste Heft. Ein mit elektronischer Schreibmaschine oder Computer geschriebenes Blatt war in das Heft hineingeklebt worden. "Schlangenmond" lautete die Überschrift. Die zweite Seite war von Hand geschrieben; schöne, regelmäßige Buchstaben. Dann kamen wieder eingeklebte Blätter, dann wieder Handschrift. Das zweite Heft war ebenso aufgebaut. Jetzt war ich wirklich neugierig geworden. Hatte nicht auch Hyarob bei unserer ersten Begegnung ständig von Schlangenmond gesprochen?
Ich begann zu lesen...

 

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